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| Der Aasee bei Nacht |
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Es ist dunkel.
Der schmale sichelförmige Mond erhellt nur schwach die Umgebung. Ein silbrig schillerndes Band zieht sich über den Himmel, es scheint, als ob es den Weg weisen wollen würde; den Weg in die Zukunft, den richtigen Weg?
Leise zerrt der kalte Nordwind an den Ästen und Blättern der Bäume, dessen Laub schon langsam beginnt zu fallen. Blatt für Blatt, wie einzelne Tränen, die die glitzernde Wasseroberfläche des Sees berühren und kleine Wellen darin verursachen.
Die Stille scheint an diesem Fleckchen beinahe vollkommen.
Umgeben von dem Grün von Sträuchern, Büschen und Bäumen, ist diese Stelle von den Wegen nicht einsehbar, scheint abgeschottet von der Außenwelt, ja beinahe von Zeit und Raum.
Beinahe von den tanzenden Schatten verschluckt, steht eine reglose in schwarz gehüllte Gestalt hier am Ufer, starrt in die Unendlichkeit des Himmels, betrachtet stillschweigend die Sterne, stumme Zeugen der Zeit.
Hin und wieder zaust der Wind ihr von einer schwarzen Spitzenkapuze bedecktes Haar, sodass einzelne rotschimmernde Strähnen zu erkennen sind - die Einzigen Indizien dafür, dass es sich tatsächlich nicht bloß um einen Schatten, eine Täuschung der Nacht handelt.
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Anfangs die Regung des Wassers nicht wahrnehmend, wendet Lyadán schließlich doch ihren Blick vom Himmel ab, um die Wasseroberfläche zu betrachten. Eine Regung in ihrem Gesicht zeigt sich nicht, doch sind ihre Gesichtszüge dieses Mal ungewöhnlich weich, fast menschlich.
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Eine Augenbraue Lyadáns ruckt kurz nach oben, bevor sie in dem triefend nassen Wesen, das da aus den Fluten des Sees aufsteigt, William Drake erkennt.
Ein nicht zu deutendes Grinsen kann sie sich allerdings nicht verkneifen.
"Den Segen der Nacht, Herr Drake." Ihre Stimme klingt beinahe amüsiert.
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"Ja, ganz recht. Nun, das gleiche könnte ich Sie auch fragen, aber da Sie mich zuerst gefragt haben, will ich mal nicht so sein." Ein ehrliches Lächeln streift ihre Züge.
"Manchmal brauch ich ein wenig Ruhe und eine Auszeit, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Dieser Ort hier gefällt mir, es ist herrlich ruhig und beinahe einsam hier."
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"Ich denke, ich war nun lange genug abgeschieden von jedweder Zivilisation. Leisten Sie mir doch ein wenig Gesellschaft, wenn es Ihnen nichts Ausmacht und ich Sie nicht von wichtigeren Dingen abhalten sollte."
Ihr Blick wandert den nackten Oberkörper entlang, von dem noch immer einzelne Tropfen perlen.
"Es sei denn, Sie bevorzugen es, sich lieber erst anzukleiden."
Ein schiefes Grinsen liegt bei diesen Worten um ihre Mundwinkel.
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Jetzt kann sie sich ein Lachen nicht mehr verkneifen. Ungewohnt und zwanglos, wie man es so selten von ihr hört, doch einen Moment später räuspert auch sie sich und steuert ungewöhnlich galant durch die Hecken und Büsche, als ob sie ihr Lebtag nichts anderes getan hätte, als sich im Dickicht zurechtzufinden. Nicht einmal die wertvolle Spitze ihres Kleides bleibt an einem der unzähligen Zweige und Dornen hängen.
Nach einigen wenigen Minuten kehrt sie zurück und reich Drake die Tüte.
Ohne ein Wort zu sagen, dreht sie sich um und geht einige Schritte weit in das Gestrüpp hinein, damit er sich in Ruhe umziehen kann.
Derweil widmet sie sich wieder den unzähligen Sternen am Firmament.
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Lyadán bleibt noch einen Moment in der Umarmung der Schatten verborgen, bevor die samtene Schwärze sie frei gibt und sie wieder auf der Lichtung erscheint. Mittlerweile ist die Kapuze von ihren Haaren gerutscht, so dass das rot, das ihr Gesicht umhüllt, ihre blassblauen Augen zum schimmern bringt.
Ungewöhnlich blass und durchsichtig erscheint ihre Haut, jetzt, da sie vom schwachen Licht der Sterne erhellt wird.
Und doch wirkt Lyadán auf eine seltsame Art und Weise lebendiger als je zuvor. Ihre Züge wirken längst nicht mehr so hart, versteinert und kalt wie noch vor einiger Zeit, als sie zum ersten Mal münsteraner Boden und somit diese Domäne betrat.
"Das ist wohl auch besser so."
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Ihr ehrliches Lächeln würde wohl die meisten eher verwirren, ist es doch ausgerechnet von ihr kaum zu erwarten, dass sie zu soetwas fähig ist.
"Vielen Dank für das Kompliment. Sowetwas bekommt man heutzutage ja nur noch selten zu hören.
Aber verzeihen Sie meine Neugierde, was hat Sie dazu bewegt ein...nun...Bad...", ihr Blick geht kurz an ihm vorbei, betrachtet das nun wieder ruhige Bild der Wasseroberfläche, "im Aasee zu nehmen?"
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"Was suchen Sie denn in diesem schlammigen, vertrecktem See?! Und ist er nicht ein wenig zu groß, um etwas zu Fuß auf dem Grund zu suchen? Nur eine Vermutung, aber gibt es da nicht bessere Metoden?
Aber im Prinzip geht es mich ja auch nichts an."
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Lyadán überlegt kurz, muss ihm dann aber schließlich zustimmen.
"Ja, doch, auch ich verspüre hin und wieder einen Drang, etwas bestimmtes zu tun. Zum Beispiel mich irgendwo in die Wildnis zurückzuziehen...so gut man hier in Münster und Umgebung soetwas wie Wildnis findet und es als solche bezeichnen kann."
Angesichts der Tatsache, dass der Aasee vollkommen verschlammt ist, ziht sie nur eine Augenbraue hoch.
"Selbst ich hätte Ihnen sagen können, wie es in etwa dort unten aussieht. Es gilt ja schließlich auch nicht umsonst hier ein Bade- und Schwimmverbot. Und nicht alle Piraten sehen fürchterlich aus. Oder sollte man das als Pirat? Ich habe vor einiger Zeit ein Kinoplakat von einem Film gesehen, in dem es anscheinend auch um Piraten...und so...", sie wedelt etwas hilflos mit der Hand, bei dem Versuch den Film 'Fluch der Karribik' zu beschreiben, "zu gehen scheint. Die darauf abgebildeten Personen waren doch auch recht ansehnlich. Oder handelt es sich da um ein Klischee? Ich kenne mich da nicht so aus."
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