
Die Bar war unweit des Hauptbahnofes gelegen, im ersten Stock, vielleicht drei Meter über dem Straßenniveau, eines direkt an das Bahnhofsgebäude grenzenden Baus. Eine schmale Treppe führte hinauf auf eine Terrasse und von dort aus betrat man die eigentliche Gastronomie, die aus zwei großen, annähernd viereckigen Räumen bestand, die über ein Zwischenstück verbunden waren, in dem ebenfalls die lange Theke untergebracht war. Die Frau, mit der ich mich treffen wollte, war allen Anscheins nach schon da, zumindest saß eine Dame mit recht durchschnittlichem Gesicht und eher unauffälliger Kleidung an einem Tisch in der Ecke und steckte sich grade eine Zigarette an. Ich bestellte ein Bier und setzte mich an ihren Tisch.
"Claudia Kleinschmidt?"
Als ich dies fragte und sie aufsah, war etwas in ihren Augen, das wie ein elektrischer Schlag übersprang. In einer Menschenmenge hätte ich sie sicherlich nicht an erster Stelle bemerkt, sie war nicht einmal mein Typ, aber mit einem Mal war sie irgendwie mehr. Sie hatte eine Aura, die mich in ihren Bann zog.
"Ja. Du bist dann Andreas."
Keine Frage, sondern eine Feststellung.
"Du hast bestimmt bemerkt, dass sich in letzter Zeit ein paar Dinge für dich geändert haben. Das Manko mit dem Sonnenlicht, der verdammte Durst, die Panikattacken in der Nähe größerer Feuer. Du verstehst was ich meine?"
Ich nickte knapp. Eine präzise Zusammenfassung meier letzten drei Wochen, in denen mein Leben so gründlich auf den Kopf gestellt wurde, wie es eben nur möglich war.
Sie fuhr fort:
"Da du warscheinlich nicht ganz blöd bist, hast du sicherlich schon Assoziationen in Richtung Dracula gehabt. Da liegst du gar nicht so falsch. Du bist ein Vampier, auch wenn alles ein bsschen anders funktioniert, als das Bram Stoker beschrieben hat. Genauer : du bist ein Caitiff. Das ist ein Clan, oder so was Ähnliches. Dein Blut ist so dünn, dass es nicht mehr das aufweist, was den eigentlichen Clan ausmacht. Deswegen bezeichnen die anderen, Reinblütigeren" - sie spie das Wort hervor -"uns alle einfach als Caitiffs. Nebenbei, erwähn das nie jemand anderem gegenüber. Damit lieferst du ihnen nur einen Grund, dir den Schädel abzureißen. Sie hassen uns. Warum habe ich noch nicht so richtig verstanden, aber wenn es rauskommt, dass du ein Caitiff bist, töten sie dich."
Sie wedelte mit den Händen. Ich nickte nur wieder und war bereit, einfach alles zu glauben was mir im Moment aufgetischt wurde, einfach nur um etwas zu haben, was ich glauben konnte.
"Das Blut, oder eher seine Reinheit, dünnt sich mit jeder Vampirgeneration immer weiter aus. Das heißt, dass die zuerst gezeugten Vampire die stärksten sind und die, die dann von diesen gezeugt wurden, ein bisschen schwächer und so weiter und so fort - bis zu uns runter. Jeder Vampir gehört einem Clan an, sagte ich ja grad, so eine Art Familie, die sich durch besondere Eigenheiten, Stärken und Schwächen auszeichnet. Unser Blut ist so schwach und dünn, dass wir halt kaum noch als Vampire gelten. Schon scheiße in einer Gesellschaft, wo Ansehen und Status in Macht und Alter gemessen werden. Dennoch, wir haben zwar nicht ihre Stärken, dafür aber auch keine ihrer Schwächen."
Sie zerdrückte ihre Zigarette im Aschenbecher. Ich folgte jeder ihrer Bewegungen mit den Augen. Müdigkeit überschwemmte mein Bewusstsein und für einen Moment wurde mir bewusst, wie absurd eigentlich dieses ganze Gespräch war. Ich war seit drei Wochen nicht mehr bei der Arbeit gewesen, schlief tagsüber und litt an Halluzinationen. Noch am Tag zuvor glaubte ich , dass ein Hund mit mir reden würde... Bevor mein Verstand Einwände erheben konnte, erzählte sie weiter:
"Wir verfügen über magische Talente. Allen möglichen Schnick-Schnack. Ne Menge klischeehaftes Zeug dabei. Ratten rufen, sich in Wölfe verwandeln, et cetera, aber halt auch viel nützlicher Kram. Normalerweise kann so ne Vampirfamilie nur einen bestimmten Ausschnitt aller Fähigkeiten, mit ein bisschen Trainig können wir aber alle erlernen und sind nicht beschränkt. Irgendwie ist das bei uns verankert. Das ist unser großer Vorteil. OK? Siehst nicht glücklich aus, mit dem, was ich dir erzähle."
Ich schaute sie mit einem Gesichtsausdruck an, der keine Fragen offen ließ.
Sie zuckte mit den Achseln und schaut mir tief in die Augen, ihre Pupillen waren wie zwei schwarze Seen, die sich immer weiter auszudehnen schienen, ganz so, als wollten sie die Welt verschlingen. Dann stand sie auf, ging um den Tisch und zog sich ihre Jacke an.
"Ich bring dich mal bei den anderen vorbei, mal schauen, ob die dir noch was erzählen können. Komm."
Ich zuckte vom Tisch empor, als wenn meine Glieder nicht unter meiner Kontrolle stehen würden, und schritt hinter ihr her, ein Passagier im eigenen Körper, auf den Zuschauerposten verbannt, in die Nacht hinaus.
Die Clanslosen in Münster
| ||
|
|
|
Homepage: Typo3 | Forum: Powered by Burning Board Lite 1.0.2 © 2001-2004 WoltLab GmbH
Die Inhalte dieser Seite basieren auf das P&P System Vampire – The Maquerade von Feder & Schwert. Ereignisse und Personen sind rein fiktiv und haben nichts mit der realen Welt gemein.
Bei Fragen oder Problemen wenden sie sich bitte an die Spielleitung oder den Webmaster.




